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Kunst ermöglicht Zukunftsfähigkeit und Neues — deshalb sollte sie nicht vorschnell wegrationalisiert werden.
Gerade in wirtschaftlich angespannten Zeiten erleben wir ein wiederkehrendes Muster: Kunst- und Kulturprogramme werden gekürzt, ästhetische Bildung reduziert, kreative Räume geschlossen.
Implizit behandeln wir damit Kunst als Luxus stabiler Zeiten. Dabei übersehen wir einen entscheidenden Zusammenhang: Kunst wirkt dort, wo Zukunft entsteht — im Noch-Nicht-Sagbaren, im Atmosphärischen, im Möglichkeitsraum. Sie bringt „das, was in der Luft liegt“ in Form. Das braucht es auch in Innovationsprozessen bevor Ziele, Strategien oder Produkte daraus abgeleitet werden können. Oder anders gesagt: Kunst kann der Prototyp der Zukunft sein, bevor sie funktional wird.
Vier Zukunftskompetenzen werden dabei besonders in künstlerischen Kontexten entwickelt — Fähigkeiten, die wir in Zeiten von Unsicherheit und Veränderung dringender brauchen denn je:
• Offen wahrnehmen können — also sehen, was andere noch übersehen, feine
Veränderungen und neue Muster erkennen.
• Sich Zukünfte vorstellen können — Ideen denken, bevor sie realistisch oder
ausgereift erscheinen.
• Unsicherheit aushalten können — mit Widersprüchen und Nicht-Wissen umgehen, ohne vorschnell zu vereinfachen.
• Komplexes verständlich ausdrücken können — Bilder, Geschichten oder Formen finden für das, was noch schwer erklärbar ist.
Denn: Je ungewisser Zukunft ist, desto wichtiger werden Fähigkeiten, die mit Nichtwissen umgehen können. Diese werden historisch insbesondere in künstlerischen Praktiken genutzt und ausgebildet.
Kunst bereitet damit auch Innovationsmethoden vor. Kreativitätstechniken wirken tiefer, wenn Menschen gelernt haben, offen zu explorieren, präverbal zu denken und Möglichkeitsräume zuzulassen. Der Umgang mit Kunst zahlt damit auf die kulturelle Fähigkeit zur Innovation ein.
Ein Praxisbeispiel: Am CERN arbeiten Künstler:innen mit Teilchenphysiker:innen zusammen, um grundlegenden wissenschaftlichen Fragen neue Perspektiven zu geben. Kunst wirkt hier als produktive Irritation, als Erweiterung wissenschaftlicher Vorstellungsräume.
Keine Frage, nicht jede Kunst wirkt innovationsfördernd, und das Setzen von Prioritäten in Krisen ist wesentlich. Aber wenn wir Innovation als Zukunftssicherungsstrategie begreifen, müssen wir auch ihre kulturellen Voraussetzungen sichern, sonst entsteht ein Paradox: Wir investieren in Technologien der Zukunft und kürzen gleichzeitig die Fähigkeiten, sie stetig
neu zu denken.
Kunst und Kunstschaffen ist kein Luxus stabiler Zeiten. Sie sind ein Navigationsinstrument instabiler Zeiten. Wer in Krisen ohne genauen Blick an
Kunst kürzt, spart nicht an Kulturprogramm, sondern an Zukunftsfähigkeit.